Mein Leben in Deutschland begann mit einem Stück Bienenstich

(21/02/2018)

Was ist Heimat und wo ist meine?

Viele, die als Kinder von einem Ostblock-Land in den Westen übergesiedelt sind, erinnern sich ihr Leben lang ganz genau an den ersten Eindruck: die Straßen und Häuser, die bunt, statt grau waren, die frischen und wohlriechenden Gerüche oder das Eis, das nach Sahne, statt nach Wasser schmeckte. Das Leben des jungen Ich-Erzählers, der in Viktor Funks Roman aus Kasachstan kommt, beginnt in Deutschland mit einem Stück Bienenstich - und nie wird er diesen köstlichen Geschmack vergessen, der ihm ebenso gut gefällt, wie seine neue Heimat. Zumindest glaubt er das und ignoriert konsequent Begebenheiten wie Ausgrenzung und Mobbing, die ihn zweifeln lassen könnten. Stattdessen passt er sich an und versucht möglichst unauffällig durch den Alltag zu kommen, was ihm auch gut gelingt. Halt und Ruhe findet er in seinem Hobby, dem Angeln, das ihm sehr wichtig ist und eine Konstante in seinen so unterschiedlichen Leben darstellt.

Doch das Lebenskonstrukt des Ich-Erzählers gerät ordentlich ins Wanken, als er im Erwachsenenalter auf Marie trifft und sich in sie verliebt. Die junge Frau ist aus Rumänien nach Deutschland gekommen, hinterfragt alles sehr kritisch und bringt gehörig Unruhe mit sich. In der Auseinandersetzung mit seiner Freundin muss sich auch der Erzähler nach und nach Fragen stellen, die er nie zugelassen hat und denen er aus dem Weg gehen wollte: Was ist Heimat und wo ist meine Heimat? War Russland für ihn als Russlanddeutschen Heimat? Ist es Deutschland oder gehört er eigentlich gar nicht hierher? Oder kann Heimat auch ganz woanders sein?

In seinem Debutroman verarbeitet der Journalist Viktor Funk, geboren 1978 in Kasachstan, eigene Erlebnisse und stellt die Lebensformen in den unterschiedlichen Gesellschaften und Epochen gegenüber. Dabei hält er den jeweiligen Ländern - damals wie heute - den Spiegel vor, zeigt mit feiner Ironie auf, was falsch läuft, benennt Probleme bei der Eingliederung in die neue "Heimat" und lädt so zum Nachdenken über das Thema Migration ein, das heute mehr denn je die Gesellschaft prägt. Am Ende muss sich auch der Leser mit seinem persönlichen Begriff von Heimat auseinandersetzen.