Entlang den Gräben

(25/05/2018)

Geschichte(n) als Reisebericht.

Natürlich, im Großen und Ganzen könnte man dieses Buch dem Bereich Reisebericht zuordnen – doch wird man ihm damit nicht gerecht, denn es ist so viel mehr. Allein schon die Strecke! Es geht von Köln über verschiedene östliche Länder Europas bis in den Iran. Und der Verfasser ist der bekannte Schriftsteller und Journalist Navid Kermani, Träger zahlreicher Auszeichnungen, wie beispielsweise dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. All das lässt erahnen, was einen erwarten wird: kein touristischer Reisebericht, sondern eine kluge Auseinandersetzung mit den besuchten Ländern und deren Geschichte(n).

Navid Kermani startet in Köln, der Stadt, in der er lebt, und reist über Schwerin und Berlin nach Polen, Litauen, Weißrussland, die Ukraine, Russland, Georgien, Armenien und Aserbaidschan bis in den Iran. Er beschreibt seine sehr unterschiedlichen Reisestopps in 45 Tagesstationen. Die 55. dann ist Isfahan, die Stadt, aus der seine Eltern stammen, und der er am Schluss viel Raum für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit seiner Familie lässt. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Tour in der Realität ursprünglich aus unterschiedlichen Reisen bestand, privaten, vor allem aber dienstlichen im Auftrag von Zeitungen und Zeitschriften, in denen bereits rund ein Drittel der Texte veröffentlicht wurde, denn für das Buch wurde ein neues Ganzes geschaffen.

Im Grunde begleitet man den Autor, der in Ich-Form schreibt, bei seiner Reise vor allem dadurch, dass man in seine sehr persönlichen Gedanken und Auseinandersetzungen einbezogen wird: Einerseits beschreibt er, wo er ist, und welche Menschen er trifft. Er spricht mit ihnen, teilt mit uns ihre Schicksale. Andererseits setzt er all das in geschichtliche oder politische Zusammenhänge, zieht oft eine Verbindung zum Glauben. Kleine Erlebnisse aus abgelegenen Dörfern finden ebenso Raum wie große Ereignisse, wie die Auswirkungen von Tschernobyl oder Kriegen. Es ist eine ganz eigene Mischung aus Wissen, philosophischen Gedanken, persönlichen Empfindungen und (eigener) Geschichte, bei der man viel lernt und erfährt. Der Autor berichtet von spannenden, teils rührenden Begegnungen, muss sich aber auch dem Grauen der Geschichte und dem, was Menschen anderen Menschen antun können, stellen. Das ist manchmal schwer zu verdauen und auch bedrückend. Doch die für Kermani typische differenzierte Sicht auf die Dinge und seine unerschütterliche Integrität gegenüber der Menschlichkeit machen das Buch wie seine anderen Werke zu etwas ganz Besonderem.