Die Reise

(30/08/2017)

Vom Scheitern und sich finden.

Eines vorweg: Es ist wahrscheinlich, dass die meisten Leser sich am Anfang des Buches schwer tun werden mitzukommen. Das liegt daran, dass der Autor in "Die Reise" nicht nur zwei Zeitebenen der Geschichte eng miteinander verflochten hat, sondern dass er innerhalb eines Satzes zwischen diesen unterschiedlichen Erzählsträngen hin- und herspringt. Das sorgt anfangs für Verwirrung und man sucht einen Absatz oder wenigstens einen Satzanfang für die Zuordnung des Gelesenen. Aber es lohnt sich nicht aufzugeben und dranzubleiben, denn irgendwann plötzlich gewöhnt man sich an den Stil, und dann ist er ausgesprochen reizvoll und der Leser weiß, auf welcher Ebene er sich befindet. Man schaukelt in harmonischen Wellen zwischen den Zeiten hin und her, genau so, wie das Containerschiff durch die Meere der Welt im zweiten Teil des Romans.

Dieser handelt vom australischen Klavierhersteller Frank Delage, der ein revolutionär neues Klavier erfunden hat und nun nach Europa reist, um es erfolgreich zu vermarkten. Wo sollte das besser klappen, als in der europäischen Musikhauptstadt schlechthin − in Wien? Also kommt er hoffnungsvoll in die österreichische Hauptstadt und trifft dort zufällig auf die einflussreiche Adelige Amalia von Schalla. Diese öffnet ihm zwar die Türen zu wichtigen Personen der Musikbranche, allein im selbstgefälligen und -zufriedenen Wien ist niemand offen für die Innovation. Delages Reise wird geschäftlich ein Desaster.

Mit zunehmenden Misserfolg fühlt er sich nicht nur immer mehr zu Amalia hingezogen, sondern gleichzeitig auch zu deren Tochter Elisabeth von Schalla. Der Protagonist gerät in ein emotionales Chaos zwischen der reifen, charismatischen und der jüngeren, ihn scheinbar ergänzenden Frau. In dieses Szenario eingewoben ist die zweite Geschichte, die Weiterführung, in der der Klavierbauer mit einem Containerschiff zurück nach Australien reist: Seine Mission ist erfolglos beendet, aber keinesfalls gescheitert, denn er hat endlich zu sich selbst gefunden. Außerdem ist Elisabeth an seiner Seite, die ihre Familie verlassen hat und ihm auf der Reise nach Australien in ein neues Leben folgt.

Bei all dem lässt der australische Autor seinen Gedanken zu Kultur und dem Kulturbusiness fast schon philosophisch freien Lauf. Mit fein gesetzten Pointen und skeptischem Blick skizziert er die Wiener Kunstszene. Murray Bail, geboren 1941 in Adelaide, lebt und arbeitet in Sydney und wurde mit verschiedenen Literaturpreisen ausgezeichnet.